INHALT

1. HIGASHIONNAS NAHA TE
2. MIYAGIS STUDIEN
3. DIE GRÜNDUNG DES GÔJÛ RYÛ
4. MIYAGIS GÔJÛ- KONZEPT
5. GÔJÛ RYÛ AUF OKINAWA

 

HIGASHIONNAS NAHA TE

Den Grundstein des Systems legte HIGASHIONNA KANRYÔ, der in China mehrere Stile des Quanfa studierte. Als er nach Okinawa zurückkehrte, lehrte er ein System, das man als Synthese mehrerer chinesischen Stile betrachten kann. Der gesamte Energieaspekt der heutigen Goju-Stile wurde bereits zu Higashionnas Zeit gegründet.
Als Higashionna im Jahre 1887 aus China zurückkehrte, begann er seine Lehre in Naha (Tondo Naha shi) zu verbreiten. Sein Übungsstil wies starke Charakteristiken der südlichen chinesischen Schulen Chinas auf. Er enthielt das gleiche technische Konzept und denselben Aspekt der Arbeit mit der "inneren Energie" (Qi), wie z.B. das Tai Chi Chuan. Higashionna nannte seinen Stil einfach Naha-te, wie das vor ihm bereits auch ASON und WAICHINZAN taten.
Meister Higashionna hatte fünf wichtige Schüler:

  • MIYAGI
  • KYÔDA
  • GUSUKUMA
  • SHIROMA
  • MOTODA

KYÔDA JUHATSU war der Uchi deshi des Stils, während Miyagi Chôjun der Soto deshi war. Kyôda blieb der alten Linie des Naha te treu und begründete darauf sein Toon ryû, während Miyagi zahlreiche Studien unternahm und neue Aspekte (vor allem Atmung, Ibuki) in den Stil brachte.

 

 

MIYAGIS STUDIEN

Das alte Naha te erfuhr eine neue Blüte unter MIYAGI CHÔJUN (1888-1953). Dieser reiste in seiner Jugend nach China und studierte dort die Praktiken des Zen und den Quanfa-Stil Baihequan. Als er nach Okinawa zurückkehrte (1920), schuf er ein neues System. Er erarbeitete die beiden Formen der Geksai kata, die - viel einfacher und kürzer als die klassischen Formen - von da an dazu verwendet wurden, Anfänger in den Stil einzuführen. Man kann hier den Einfluss Itosus sehen, der vorher im Shôrin ryû die Pinan kata gründete. (Miyagi hatte Meister ITOSU um Unterricht im Shôrin gebeten, dieser sagte ihm jedoch, dass es nichts mehr zu lernen gäbe, da er die Meisterschaft erreicht habe).
Gleichzeitig erarbeitete Meister Miyagi die heutige Form der Tenshô, sein eigentliches Meisterwerk. Die Tenshô ist eine überarbeitete Form des chinesischen Dao Rokishu aus dem Shaolinquan.

In den darauffolgenden Jahren bereiste Miyagi die Länder des Pazifiks, um seinen Stil zu verbreiten. 1929, sieben Jahre nach FUNAKOSHI, gab er in Japan eine grosse Demonstration seiner Kunst. Zu jener Zeit hatte er auf Okinawa schon eine ganze Reihe bedeutender Schüler ausgebildet. (YAGI, HIGA, MIYAZATO u.a.). Bis 1935 blieb er in Japan, wo er den heute bekannten japanischen Meister YAMAGUCHI GÔGEN (Neko - die Katze) zu seinem Nachfolger in Japan ernannte.

 

 
 

DIE GRÜNDUNG DES GÔJÛ RYÛ

Der Name Gôjû Ryû wurde zum ersten Mal im Jahre 1929 verwendet (MIYAGI). Als im selben Jahr in Japan eine grosse Demonstration aller japanischen Kampfkünste stattfand, schickte der Meister seinen Schüler SHINZATO JIN'AN, um ihn zu vertreten. Alle Anwesenden waren Vertreter berühmter japanischer Kampfkunsschulen. Als ein Reporter Meister Shinzato fragte, welchen Stil er vertrete, wusste dieser zunächst keine Antwort. Auf Okinawa war es nicht üblich, dass die jeweilige Kunst des Meisters einen eigenen Namen hatte. Alles wurde in den Überbegriffen Shôrin ryû (Shuri te und Tomari te) und Shôrei ryû (Naha te) zusammengefasst. Shinzato überlegte schnell und sagte, sein Stil trage den Namen Hankô ryû (Hankô bedeutet "halb schwierig").
Auf Okinawa erzählte er Meister Miyagi von dem Vorfall, und dieser, auch ein Meister der Poesie und Dichtkunst, zitierte daraufhin einen Satz aus dem Bubishi: "Alles im Universum atmet hart und weich." Aus diesem Zitat stammt der Name Gôjû-ryû (Gô/Jû bedeutet hart/weich).

1935 kehrte Meister Miyagi endgültig nach Okinawa zurück und unterrichtete dort bis zum Ende seines Lebens. Im Jahre 1952 wurde die Vereinigung für das okinawanische Gôjû ryû gegründet. Ein Jahr später, am 8. Oktober 1953, starb der Meister. Er hinterliess sowohl auf Okinawa als auch in Japan mehrere bedeutende Schüler. Doch sofort nach dem Tod des Meisters begann die Auflösung des Gôjû ryû. Es war der Beginn eines ewigen Streites zwischen den Schulen, der sich bis in die heutige Zeit fortsetzt.

 

 
 

MIYAGIS GÔJÛ- KONZEPT

Erst im Jahre 1940 vervollständigte Miyagi das System seiner Lehre und schloss damit die Entwicklung des Gôjû ryû als eigenständigen Stils vollständig ab. Er führte noch die beiden von ihm 1914 gegründeten Kata Gekkisai daiichi und Gekkisai daini in das System ein, um es als "hart/weiche" Schule zu charakterisieren. Als Extreme der hart/weichen Richtung bezeichnete er in seinem Stil die Tenshô (weich) und die Sanchin (hart). In diesen Jahren befand sich Miyagi abwechselnd in Japan und Okinawa. Er wurde bereits zu jener Zeit als einer der fähigsten Meister des Karate verehrt. Er unterrichtete sowohl in Japan als auch in Okinawa, wodurch die beiden wichtigsten Schulen des Gôjû ryû entstanden.

1941 brach der zweite Weltkrieg aus, in dem Miyagi seinen dritten Sohn, JUN, und seinen ältesten Schüler, SHINZATO JINAN, verlor. Seit dieser Zeit erteilte er keinen Unterricht mehr und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Nach der Niederlage Japans im zweiten Weltkrieg siedelte er sich in der Stadt Ishikawa an. Lange Zeit blieb er unerkannt, denn man vermutete ihn in Japan. Wegen seiner Demütigen Art bekam er den Ruf eines verweichlichten Stadtmenschen, und man teilte ihn nur für niedrige Arbeiten ein. Als er schliesslich doch erkannt wurde, strömten von überall Meister der Kampfkünste herbei und baten Miyagi um Unterricht im Karate.

1946 nahm er den Unterricht in Okinawa wieder auf. Er wurde Direktor der "Okinawa Civil Association of Physical Education" und unterrichtete an den Polizeischulen Okinawas. Im gleichen Jahr gründete er ein Dôjô neben seinem Haus in Tsuboya chô, wo noch heute sein vierter Sohn lebt. Durch Miyagis Unterricht in Japan und in Okinawa entstanden zwei Hauptlinien des Gôjû ryû, die sich nach seinem Tod eigenständig weiterentwickelten:

  • Okinawa Gôjû ryû
  • Nippen Gôjû ryû

Das Okinawa Gôjû ryû (heute vertreten durch YAGI, MIYAZATO und HIGA) hält sich streng an die Richtlinien, die Meister Miyagi für die Übung des Karate aufgestellt hat. Der Wettkampf ist aus diesem System ausgeschlossen, und damit befindet es sich in einem krassen Gegensatz zu den Tendenzen, die in Japan entwickelt wurden. Die Hauptpunkte des traditionellen Gôjû ryû, wie Miyagi es gelehrt hat, sind folgende:

  • Te chikate mani
    Diese Übungsmethode bezieht sich auf die Perfektionierung der Kata. Darin unterschied Miyagi die Übung der klassischen Kata (Koryû) und dem Einführungsmethoden (Kihon) in die Kata, wofür er die Fukyu Kata gründete, die heute in zahlreichen Varianten auch in anderen Stilen geübt werden. Sie entsprechen den Taikyoku Kata des Shôtôkan.
  • Bunkai
    Sowohl Koryû als auch Kihon hatten eigene Formen des Kumite. Damit war die Anwendung der klassischen Kata gemeint sowie die Übung einzelner Kombinationen und Techniken in Form von Yakusoku kumite.
  • Te tochimani
    Dies war eine Fortgeschrittene Form des Yakusoku kumite mit realistischen Endtechniken (Kiso kumite), die zum Studium des wirklichen Kampfes verwendet wurden.
  • Ikukumi
    Die Übung des wirklichen Kampfes. Der höher Graduierte darf sich nur verteidigen, ohne zu kontern, während der Partner wirklich und mit voller Kraft zu treffen versucht.

Nach NAKAIMA KENKO (Ryûei ryû), der Miyagi gut kannte, konnte keiner seiner Schüler die Perfektion der Kata erreichen, die der Meister zu demonstrieren in der Lage war. Er machte in der Technik immer wieder gebrauch von seinen starken Hüften, und Nakaima glaubt auch, dass Miyagi die Form der harten Atmung (Ibuki) und der dynamischen Spannung in den Stil brachte, die es in den chinesischen Ursprungsstilen nicht gibt. Die von Miyagi festgelegten zwölf Kata des Gôjû ryû werden oft in drei Kategorien geteilt:

  1. Kihon kata (Grundschul- kata)
    In der in allen Richtungen die Sanchin als die wichtigste gilt.
  2. Kaishu kata (Offene- Hand kata)
  3. Haishu kate (Geschlossene - Hand kata)

Die Tensho wird in einigen Stilen mit geschlossener, in anderen mit offener Hand geübt. Nach einigen Meistern werden die Begriffe Kaishu und Haisha auch als öffnende Kata, im Sinne von Einführen, und als schliessende Kata, im Sinne von abschliessende höchste Form, ausgelegt. In diesem Sinn sind alle Kata zuerst Kaishu kata und sollen zu Haishu kata gebracht werden. (Theorie nach ÔTSUKA TADAIKO in seiner Veröffentlichung 1977).

 

 
 

GÔJÛ RYÛ AUF OKINAWA

Das Okinawanische Gôjû ryû brachte aus Miyagis Nachlass viele bedeutende Meister hervor. Hier finden wir auch die innere Linie (Uchi deshi) des Stils, die durch YAGI MEITOKU vertreten wird. Ein weiterer Schüler war Higa Seiko. Zahlreiche Namen, die wir heute kennen, sind Namen der Schüler von Sensei Higa. So hat er TOGUCHI SEIKICHI, welcher das Shôreikan Dôjô in Tôkyô leitet, und TAMANO TOSHIO unterrichtet.
Die grossen Meister des okinawanischen Kobundô, MATAYOSHI SHINPÔ und HIGAONNA MORIO, studierten das Karate hauptsächlich unter Higa Seiko. Einen anderen starken Einfluss auf das okinawanische Gôjû ryû nahm Meister MIYAZATO EICHI (1922 - 1999), ein weiterer Schüler Miyagis. Meister Miyazato ist auf Okinawa sehr bekannt und unterrichtet im Yundôkan Dôjô, einem der grössten okinawanischen Dôjô.